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„The 30 Million Word Gap!“ - Schulen & finanzielle Allgemeinbildung

(veröffentlicht auf cashkurs.com am 22.02.2019


Dass Finanzbildung ein wichtiges Thema ist, bleibt wohl unbestritten. Andreas Borsch nimmt den Diskussionsfaden zum Thema finanzielle Bildung auf und geht den Fragen nach, wessen Aufgabe es denn nun ist, den Kindern und Jugendlichen entsprechendes Wissen zu vermitteln und was überhaupt unter Bildung zu verstehen ist.


„Man erstickt den Verstand der Kinder unter einem Ballast unnützer Kenntnisse.“ (Voltaire)


Die Reaktion der Cashkurs-Leser auf meinen Beitrag vom 15.02.2019 war groß und hat mich positiv überrascht. Deshalb möchte ich auf die (meines Erachtens sehr wichtige) Aufgabe der Schulbildung noch einmal näher eingehen.


Warum also ein Schulfach Finanzen?

Weil es einen immensen Bedarf gibt. Konkret machte ihn zuletzt die Schülerin Naina des Kölner Ursulinen-Gymnasiums deutlich, die sich 2015 öffentlich darüber beklagte:

"Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen."

Sie lerne für die Schule - und nicht fürs Leben.

Diverse Talkshows bastelten daraus Themenabende. Ergebnis: Die Diskussionen verliefen folgenlos im Sand. Schade drum. Was könnte wichtiger sein, als die Frage danach, was wir unseren Kindern mit auf den Weg geben möchten? Welche Aufgaben fallen dabei den Eltern zu - und welche der Schule?


Aufgabe der Eltern

Ich stimme den Cashkurs-Lesern 100%ig zu, die der Meinung sind, dass den Eltern die Hauptverantwortung zukommt, ihre Kinder zur Bildung zu motivieren und sie dabei zu unterstützen. Schließlich sind die Eltern die bedeutendste und prägendste Bezugsperson für die Kinder.


„Was das Hänschen nicht lernt …“

Die Eltern leben den Kindern vor, sie vermitteln ihren Kindern die wesentlichen Einstellungen zu Dingen des Lebens, Werte wie Respekt, Fairness, Verantwortungsbewusstsein, Mitgefühl, Dankbarkeit, Freundschaft, Friedfertigkeit, Streben nach persönlicher Reife und die Fähigkeit, an etwas zu glauben. Das sind die Fundamente für die zukünftige Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.

Entwicklungsforscher gehen davon aus, dass die moralische Entwicklung und damit die Wertevermittlung etwa mit Beginn der Pubertät abgeschlossen ist. Ab diesem Zeitpunkt geht es darum, dass die Kinder das Gelernte nicht wieder vergessen. Ein Unterfangen, das wegen des immer größeren Einflusses von Clique und Schulklasse, aber auch Fernsehen, Computer, Smartphone und Internet, nicht leicht ist. Während Eltern an die Friedfertigkeit ihrer Kinder appellieren, wird Gewalt durch Computerspiele oder Actionfilme verharmlost.


Die drei Hauptaufgaben der Schule


Qualifikation

Die wohl offensichtlichste Aufgabe der Schule ist es, Schüler mit einem Schulabschluss auszustatten, den sie im Anschluss gegen Berufs- und Studienchancen eintauschen. Es sollen Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt werden, die sie befähigen, sich in die Gesellschaft (beruflich wie privat) einzubringen.


Integrationsfunktion

Den Schülern sollen Werte und Normen vermittelt werden, die eine reibungslose Integration in die Gesellschaft ermöglichen.


Selektionsfunktion

Die Schule dient der Gesellschaft als Steuerungsmittel – quasi um die „Spreu vom Weizen“ zu trennen. Das Instrument der Selektion sind Noten und Abschlüsse.



Mehr Bildung oder mehr Ausbildung?

Bereits heute liegen die Prioritäten der Schulen klar auf der Ausbildung der Schüler für die spätere Eingliederung in die Wirtschaft. Die Betonung liegt auf Ausbildung. Bildung und Ausbildung sind zwei verschiedene paar Schuhe.

Definitionen aus Wikipedia:


Bildung (…) bezeichnet die Formung des Menschen im Hinblick auf sein „Menschsein“, seiner geistigen Fähigkeiten.


Ausbildung unterscheidet sich vom allgemeineren Begriff Bildung durch Ihre Vollendung und Zweckbestimmtheit.

Bildungswissen ist im Gegensatz zum Ausbildungswissen zweckunabhängig. Es dient der Herausbildung des „eigenen Ichs“. Die Verdrängung von Bildung zugunsten von Ausbildung hat drastische Folgen.


Bernhard Heinzlmaier spitzt es in seinem Buch „Performer, Styler, Egoisten“ zu.

„…In verschulten Ausbildungsgängen werden die Jugendlichen systematisch für die Verwendung in Industrie und Gewerbe hergerichtet, anstelle von Menschenbildung werden Konkurrenz- und Ellenbogenmentalität eingeübt. Der freie Geist wird unter einer Lawine von Regulativen, Normen und Richtlinien erstickt. Am Ende verlässt schön verpacktes und gut portioniertes Humankapital die bildungsökonomisch hoch effizienten Ausbildungsfabriken …“

Ist finanzielle Bildung nun Bildung oder Ausbildung?

Ich verstehe darunter eindeutig Bildung, denn es geht hier nicht (wie schon in meinem ersten Beitrag beschrieben) um die Ausbildung der Schüler zu Bankkaufleuten (Zweckbestimmtheit), sondern darum, Kompetenzen zu vermitteln, die sie befähigen, aktiv ihr eigenes Leben zu gestalten. Geld ist das Schmiermittel der Wirtschaft. Und wir leben nun mal in einer Marktwirtschaft (egal ob sozial oder unsozial). Das richtige Verständnis um Geld und seine Funktion sollte eher dem Bürger statt der Wirtschaft dienen.


„Kein Anschluss unter dieser Nummer“

Drei Anläufe habe ich in den letzten zehn Jahren unternommen, mich im Bildungssystem zu engagieren und das Thema Finanzbildung im Unterricht zu etablieren.

Für alles zu haben – aber zu nichts zu gebrauchen, scheint im Bildungsministerium das Motto zu sein. Dass Finanzbildung wichtig für Schüler ist, wurde mir unisono von allen Mitarbeitern des Ministeriums bestätigt, mit denen ich gesprochen habe. Doch sogleich wurde mir klargemacht, dass es dafür kein Budget gibt. Weder zeitlich noch geldlich. Ich könne ja versuchen, ein förderfähiges Projekt zu erarbeiten, die Schulen in MV anzuschreiben und zuerst die Schulleitung, dann die Lehrer und danach die Schüler von meiner Idee zu überzeugen, denn das Thema könne nur fakultativ (also auf freiwilliger Basis nach Unterrichtsschluss) behandelt werden. Ein eigenes Fach „Wirtschaft“ zu etablieren, gehe gar nicht.

Wahres Interesse klingt anders!


Es gibt erste Ansätze…

… von engagierten Schulen und Lehrern, dieses Thema in das vollgepfropfte Lernpensum der Schüler mit aufzunehmen. Im Internet gibt es dazu auch teils sehr gute Informationsmaterialien zu diversen Themenbereichen der Finanzbildung. Sie beschränkt sich jedoch meist auf Themen wie Schuldenvermeidung, Handyverträge, Werbung und Konsumverhalten. Ein einheitliches, systematisches und übergreifendes Konzept sucht man vergeblich.


Die Grenzen der Schulen oder „The 30 Million Word Gap“

Die Möglichkeiten der (Aus)Bildungseinrichtungen dürfen nicht überschätzt werden. In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das Gehirn rasant. Die Eltern entscheiden also maßgeblich über die Zukunft ihrer Kinder. Schenken sie ihnen Liebe und Aufmerksamkeit? Setzen sie ihr Kind vor den Fernseher oder spielen sie mit ihm? Tobt das Kind an der frischen Luft? Sprechen die Eltern mit ihrem Kind? Welche Werte und Einstellung vermitteln sie? In der Studie „The Early Catastrophe“ (The 30 Million Word Gap) wird aufgezeigt, dass Kinder aus fürsorgenden Familien in den ersten drei Lebensjahren 30 Millionen mehr Wörter hören, als die Kinder der Vergleichsgruppe. Es ist leicht vorstellbar, welche Auswirkungen das auf die kindliche Entwicklung hat.

Die Schule muss an der Aufgabe scheitern, diese Defizite wieder wettzumachen. Der Vorsprung dieser „privilegierten“ Kinder wird im Zeitverlauf immer größer. Von Chancengleichheit kann keine Rede sein.


Finanzbildung ganz spannend - wie?

Grundlegendes Wissen über das Geldsystem kann hervorragend in den Geschichtsunterricht verpackt werden. Denken wir nur an die Hyperinflation als Folge des Ersten Weltkrieges. Im Fach Philosophie kann man das Thema Geld von der ethischen, und den Dauerkonflikt zwischen Konsum und Verzicht von der philosophischen Seite her betrachten (Maslowsche Bedürfnispyramide). Spannender kann finanzielle Bildung kaum sein. Aber die Vorstellung, dass in Schulen Geldanlageseminare gehalten werden, finde ich befremdlich. Das hat nichts mit finanzieller Bildung zu tun.

Entscheidend ist es, die Neugier und den Forschertrieb der Schüler zu wecken. Unsere Bildungseinrichtungen besitzen längst kein Informationsmonopol mehr. Das Internet bietet 24 Stunden am Tag die Möglichkeit, sich sprichwörtlich am gesamten Wissen der Menschheit zu bedienen. Hier können Schulen und Universitäten ansetzen. Wenn sie es schaffen, den Heranwachsenden aufzuzeigen, wie sie selbständig aus Informationen Bildung schaffen, dann ist ein gutes Stück des Weges geschafft.


Hier sind Umfeld und Familie gefordert. Problematisch wird es, wenn das Umfeld dazu nicht in der Lage ist. Denn egal wie gut Bildungseinrichtungen sind - wenn Kinder zu Hause vernachlässigt werden, kommen sie schnell an ihre Grenzen.


Fazit

Den Kindern in der Schule die Fähigkeit und den Willen zu vermitteln, sich selbst zu bilden, ist wichtiger, als das Wissen an sich. Kommen Heranwachsende an den Punkt, wo sich Fragen nach Geldanlagen und Versicherungen stellen, gibt es genügend Medien, über die sie sich informieren können.

Die Frage ist: hat es die Schule geschafft, dass sie selbständig aus Informationen Bildung generieren können?

Ihren Kindern den Umgang mit Geld vorzuleben, sollte Bestandteil der Erziehung der Eltern sein. In großen Teilen ist es ihre Aufgabe, ihre Kinder auf das Leben vorzubereiten – das sollte nicht vergessen werden. Die Schule kann nur unterstützend tätig sein.

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